{"id":5392,"date":"2012-11-20T20:22:07","date_gmt":"2012-11-20T19:22:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nedsblog.de\/?p=5392"},"modified":"2012-11-20T20:23:25","modified_gmt":"2012-11-20T19:23:25","slug":"im-grunen-ghetto","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.nedsblog.de\/?p=5392","title":{"rendered":"Im gr\u00fcnen Ghetto"},"content":{"rendered":"<p>Mal etwas ausserhalb des Fu\u00dfballs.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.herzdamengeschichten.de\/\" target=\"_blank\">Maximilian Buddenbohm<\/a> hat Blogger und Bloggerinnen <a href=\"http:\/\/www.herzdamengeschichten.de\/2012\/11\/14\/der-rest-von-hamburg-kleine-korrektur-und-einladung\/\" target=\"_blank\">aufgefordert<\/a> ihren Stadtteil zu beschreiben. <\/p>\n<p>Bisher gibt es schon sehr viele sch\u00f6ne Beitr\u00e4ge, eine \u00dcbersicht der bisher ver\u00f6ffentlichenten Artikel gibt es <a href=\"http:\/\/www.herzdamengeschichten.de\/der-rest-von-hamburg\/\" target=\"_blank\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>Da wollte ich auch gerne was zu beitragen. Ich wohne jetzt in Barmbek, dar\u00fcber haben aber schon andere geschrieben. Also habe ich mich entschlossen \u00fcber meine Heimat zu schreiben. <\/p>\n<p>Ich komme aus M\u00fcmmelmannsberg. Das ist kein eigener Stadtteil in Hamburg, er geh\u00f6rt zu Billstedt, obwohl wir aus M\u00fcmmel, M-Town, M\u00fcberg oder wie auch immer es gerne genannt wird, es am liebsten h\u00e4tten, es w\u00e4re ein eigener.<\/p>\n<p>\u00dcber M\u00fcmmelmannsberg gibt es viele Vorurteile: Hartz4, Ausl\u00e4nder, Kriminalit\u00e4t, Drogen und alles schlimme dieser Welt. Es ist sehr schwer, von diesem Bild weg zu kommen.<\/p>\n<p>Ich bin geboren in Bergedorf und in den 80er Jahren sind wir in eine niegelnagelneue 3 1\/2 Zimmerwohnung in der Gro\u00dfen Holl gezogen. Aus dem Fenster meines Kinderzimmers habe ich die Wiesen und Weiden der Bauern aus Havighorst oder Oststeinbek gesehen, grenzt M\u00fcmmelmannsberg doch direkt an Schleswig-Holstein. Und da ist es ja bekanntlich gr\u00fcn. In meiner Jugend bin ich auf K\u00fchen geritten und habe im Kornfeld mit meinem Bruder und unseren Freunden ein Lager gebaut. Immer auf der Hut vor dem Bauer mit der Mistgabel, wobei wir immer erz\u00e4hlen, er h\u00e4tte eine Schrotflinte. Aber ich schweife ab.<\/p>\n<p>Wir haben daneben noch das Naturschutzgebiet Boberger Niederungen und die Glinder Au. Viel gr\u00fcn f\u00fcr ein Ghetto, oder? Auch in der Siedlung selbst sind viele kleine Gr\u00fcnfl\u00e4chen angelegt, ich hatte nie das Gef\u00fchl in einer Betonburg aufgewachsen zu sein. Klar, die Max-Pechstein-Stra\u00dfe ist nicht gerade sch\u00f6n gebaut worden, die Hochh\u00e4user boten nicht immer einen tollen Anblick, aber wenn man unten, auf der Stra\u00dfe l\u00e4uft, sieht man mehr gr\u00fcn als grau.<\/p>\n<p>M\u00fcmmelmannsberg ist alt, schon sehr alt. Mein Vater (geb\u00fcrtiger Lohbr\u00fcgger und nein, dann ist man kein Bergedorfer!) erz\u00e4hlt mir immer noch gerne, da\u00df er fr\u00fcher \u00fcber die gr\u00fcnen Wiesen auf dem Berg gefahren ist, um in die Innenstadt zu kommen. Heute leben dort knapp 19.000 Menschen (Es waren schon mal mehr, ich glaube als ich jung war, damals, waren es 22.000; in den Anf\u00e4ngen sprach man sogar von 30.000). Gebaut wurden die Wohnungen f\u00fcr all diese Menschen im Zeitraum zwischen 1970 und 1979. Viel Platz gab man ihnen nicht, man baute eher hoch als breit. In den 70ern war bezahlbarer Wohnraum ein rares Gut, aber die Skrupel eine Siedlung f\u00fcr solch eine Menschenmasse zu bauen, waren nicht sehr gro\u00df: Der soziale Wohnungsbau boomte.<\/p>\n<p>Die Siedlung ist klar strukturiert: Die Kandinskyallee durchteilt von S\u00fcd nach Nord. Wer s\u00fcdlich wohnt, geht in die Grundschule Rahewinkel, wer n\u00f6rdlich wohnt in die Grundschule M\u00fcmmelmannsberg. Ok, bei mir war das anders, ich wohnte im S\u00fcden und ging im Norden zur Schule. Zu Fu\u00df mu\u00dfte ich jeden Morgen bei Wind und Wetter 1100 Meter gehen. Aber ich schweife ab. Zur\u00fcck zur Struktur: Von Ost nach West gibt es abgehend von der Kandinskyallee die Stra\u00dfe M\u00fcmmelmannsberg und den Havighorster Redder. Im Herzen des Stadtteils ist das h\u00e4\u00dfliche Einkaufszentrum platziert worden, umringt von mehreren Hochh\u00e4usern.<\/p>\n<p>Es gab dort auch mal L\u00e4den in denen man was kaufen konnte, heute ist es aber eher sch\u00e4big dort und nicht sch\u00f6n. S\u00e4mtliche Versuche, das EKZ zu sanieren, schlugen fehl, kein privater Investor traut sich an den Betonmoloch ran. Es gibt eine Gesamtschule im &#8222;warum-auch-immer-hat-man-diese-Farbe-gew\u00e4hlt&#8220;-Orange. Selbst nach der Asbestsanierung in den 90ern hat man nicht \u00fcber eine neue Fassade nachgedacht.<\/p>\n<p>Seit 1990 ist M\u00fcmmelmannsberg die Endhaltestelle der U3. Ich weigere mich \u00fcbrigens bis heute, die U3 U2 zu nennen. Die k\u00f6nnen doch nicht meine gelbe Linie einfach rot machen und auch noch umbenennen! Ich bin da stur.<\/p>\n<p>Neben dem schaurig-sch\u00f6nem EKZ gibt es noch einen Skulpturenpark. In den 70ern gab es noch \u00f6ffentliche Gelder f\u00fcr Kunst am Bau, die Ergebnisse waren entsprechend. Wir h\u00e4tten damals lieber ein paar Schaukeln oder Rutschen mehr gehabt, aber wir waren Kinder, wir hatten ja keine Ahnung.<\/p>\n<p>Viele ber\u00fchmte K\u00fcnstler tummeln sich in M\u00fcmmel. Edward Munch, Max Pechstein, Mondrian, Franz Marc, August Macke, Paul Klee und auch Kandinsky. Als die Siedlung gebaut wurde, mu\u00dften ja neue Stra\u00dfennamen her. Also nahm man sich die K\u00fcnstler und machte aus ihnen Stra\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Siedlung war nach dem Bau schnell in Verruf geraten. Kein Wunder, wurden die Sozialwohnungen doch damals noch belegt und die Mischung aus hoher Arbeitslosigkeit, hohem Ausl\u00e4nderanteil und wenig M\u00f6glichkeiten seine Freizeit zu nutzen taten ihr \u00fcbriges. Dieser Ruf war schnell &#8222;verdient&#8220; und wenn man sich einen schlechten aufgebaut hat, dauert es mindestens 10 mal so lang ihn wieder zu verbessern. Noch 2006 zahlte das ZDF Jugendlichen Geld, um einen Bericht \u00fcber Jugendgangs zu drehen. Sie sollten das Klischee bedienen, das man in Hamburg \u00fcber M\u00fcmmel hat. Man wollte den Zuschauern das geben, was sie erwarten.<\/p>\n<p>Aber aufgegeben haben wir unsere Siedlung, haben wir M\u00fcmmel, nicht. Es wurden viele Vereine und Initiativen gegr\u00fcndet, die noch heute viele tolle und gute Aktionen ins Leben rufen. Meine Familie war daran auch beteiligt, noch heute wird die Stadtteilzeitung &#8222;aktiv wohnen&#8220; im Stadtteil kostenlos in alle Briefk\u00e4sten verteilt. Ich will nicht alle Vereine und Initiativen auflisten, ich kann nur schreiben, da\u00df viel f\u00fcr die Integration und einen lebenswerteren Stadtteil getan wird. Dabei darf man nicht vergessen, da\u00df dies ehrenamtlich erfolgt. Die ehemals h\u00e4\u00dflichen Hochh\u00e4user werden heute von gro\u00dfen Gem\u00e4lden versch\u00f6nert, jedes Jahr findet ein Stadtteilfest statt, ein Sportfest und viele weitere kleinere und gr\u00f6\u00dfere Veranstaltungen, die sich um Musik, Sport, Kunst und Integration drehen. Zu finden sind diese Veranstaltungen, Vereine und Initiativen bei <a href=\"http:\/\/muemmelmannsberg-stadtteil.de\/startseite.html\" target=\"_blank\">Stadtteil M\u00fcmmelmannsberg<\/a> und <a href=\"www.aktivwohnen.de\" target=\"_blank\">aktiv wohnen<\/a>.<\/p>\n<p>M\u00fcmmelmannsberg ist nicht hip, ich glaube, es will das auch gar nicht sein. Es will nur ernst genommen werden und frei von Vorurteilen seinen Bewohnern ein Zuhause bieten. Mittlerweile verschwindet der Waschbetonchic aus den 70ern auch immer mehr, die Wohnungsbaugesellschaften modernisieren die Geb\u00e4ude so, da\u00df sie alle nicht mehr gleich aussehen, sondern ein so unterschiedliches Bild abgeben wie seine Bewohner. Es gibt Caf\u00e9s und Restaurants, die zwar in keinen Restaurantf\u00fchrern auftauchen, aber Essen und Trinken anbieten. Mal besser, mal schlechter, wie anderswo auch. Man f\u00e4hrt nicht nach M\u00fcmmel um sich zu am\u00fcsieren, man wohnt dort gerne. Das gerne ist hart verdient und bedarf weiterem Einsatz von vielen Menschen, die ihren Stadtteil lieben.<\/p>\n<p>Ich bin froh, da\u00df ich in diesem Stadtteil aufgewachsen bin. Es lehrte mich Toleranz und vor allem, da\u00df Vorurteile eben genau solche sind und man sich immer ein eigenes Urteil bilden sollte. Selbst kein Ausl\u00e4nder oder Sozialhilfeempf\u00e4nger durfte ich alle Vorurteile, die es \u00fcber die Bewohner gibt, am eigenen Leib erfahren. Meistens der totalen Unwissenheit geschuldet, aber als Jugendlicher und Jungerwachsener pr\u00e4gt das sehr. Selbst bin ich nie in eine Schl\u00e4gerei geraten, wurde nie \u00fcberfallen und habe das selbst auch nie getan. Klar, einige meiner Bekannten und Freunde aus Kindergartenzeiten haben eine andere Karriere eingeschlagen. Das ist in anderen Stadtteilen eher nicht so. Meine Familie hat sich immer im Stadtteil engagiert und tut es heute noch.<\/p>\n<p>Ich fahre gerne nach M\u00fcmmel um meine Eltern zu besuchen. Ich f\u00fchle mich nie unsicher und gehe zu Tag und Nacht Zeit zur U-Bahn oder parke mein Auto auch ohne Angst in den Stra\u00dfen.<\/p>\n<p>Aber so geht es wohl jedem, der in seine Heimat f\u00e4hrt. Nach Hause kommt.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.nedsblog.de\/wp-content\/uploads\/Muemmelmannsberg.jpg\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.nedsblog.de\/wp-content\/uploads\/Muemmelmannsberg-300x199.jpg\" alt=\"\" title=\"Muemmelmannsberg\" width=\"300\" height=\"199\" class=\"alignnone size-medium wp-image-5406\" srcset=\"http:\/\/www.nedsblog.de\/wp-content\/uploads\/Muemmelmannsberg-300x199.jpg 300w, http:\/\/www.nedsblog.de\/wp-content\/uploads\/Muemmelmannsberg.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.minibild.de\/\" target=\"_blank\">Fotogalerie Minibild.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mal etwas ausserhalb des Fu\u00dfballs. Maximilian Buddenbohm hat Blogger und Bloggerinnen aufgefordert ihren Stadtteil zu beschreiben. 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