NedsBlog

Meine Sicht der Dinge

Niemand vermisst mich

Meine Erinnerung ist leider nicht so gut, ich weiß nicht, wann ich das letzte mal bei einem Heimspiel beim HSV war. Vielleicht habe ich den Besuch auch einfach verdrängt. Ich weiß, daß es in der Hinrunde war und ich seit dem nicht mehr dort war.

Die bange Frage war die ganze Zeit: Wird es eine Auswirkung haben, daß ich nicht mehr ins Stadion gehe?

Die CFHH hat sich aus für mich völlig richtigen Gründen gegen einen weiteren Besuch eines Spiels der HSV AG entschieden. Und die Auswirkung war sofort zu spüren. Der viel gescholtene Dauersingsang stoppte sofort und endlich gab es nur noch spielbezogenen Support von den Rängen. Okay, ich übertreibe, denn gerade am Anfang war es teilweise totenstill im Stadion.
Im Grunde genau die Atmosphäre, die ich erwartet hatte. Ich war nie ein Ultra, aber mochte doch den Einsatz der gerade bei schlechten Spielen, bei Rückständen oder klaren Niederlagen aus der Ecke in 22C kam. Ich habe immer mitgemacht, weil ich mir eingebildet habe, daß ich dadurch einen Beitrag leisten kann.
Wie viele Spiele habe ich keine Stimme nach den 90 Minuten gehabt, weil ich durchgesungen habe. Wie oft habe ich während des Spiels schon keine Kraft mehr gehabt, weil ich 3 Stunden vor Anpfiff angefangen habe, Choreos aufzubauen. Okay, ich hatte nicht mehr immer die gleiche Hose an, das gleiche Trikot und die gleichen Schuhe. Mir war nach diversen verdienten Niederlagen klar, daß es nicht an meinen Ritualen liegen kann. Aber ich dachte, daß ich einen Einfluß auf das Geschehen haben kann, daß die Spieler hören wie laut ich bin und sich schon deswegen den viel zitierten Arsch aufreissen.

Und diesen Einsatz habe ich in dieser Saison nicht mehr gebracht. Okay, ich stand oberkörperfrei im Regen, aber das war Bezirksliga Nord, nicht die große Bühne (macht übrigens sehr viel Laune und wie ich erfahren habe, hat es sogar später Nachahmer gegeben, die noch älter sind als ich ^^).

Ich saß also bei den Heimspielen der HSV AG meistens zu Hause und versuchte rauszuhören, ob meine Stimme fehlt.
Sie fehlte.
Es gab Heimspiele, da haben die Auswärtsfans die Arena voll im Griff gehabt. Von der verbliebenen HSV Familie habe ich aus erster Hand hören können, wie still es war.

Ich fehlte also tatsächlich. Meine Stimme, mein Klatschen, meine Hingabe wurde also vermisst.

Obwohl mich das gesamte Geschehen um die HSV AG nicht mehr bewegen sollte, war ich doch ein klein wenig zufrieden. Es stellt sich dieses „Das habt ihr nun davon“ Gefühl ein. Das klingt total egoistisch und kindisch. Aber ich wollte auch vermisst werden. Die sollten doch sehen, wie es ohne mich weiter geht. Die Fans sollten erfahren, wie schwierig es ist, das Stadion auf die eigene Seite zu ziehen, zum Aufstehen zu bewegen, zum Mitsingen zu animieren. Nicht, daß ich jemals alleine dafür verantwortlich war, daß es in der Vergangenheit so war, aber ich war ein Teil derer, die die entsprechenden Lieder mitgesungen haben. ICH war also verantwortlich dafür, daß das Stadion laut war.

Und jetzt war es still.

Ehrlich, das war schon ein kleiner Triumph für mich. Es konnte doch nicht alles umsonst gewesen sein. Es muß einfach eine Auswirkung haben, wenn ich nicht mehr in der Kurve stehe.

Das klingt so egoistisch. Wenn ich sonst in der Kurve stand habe ich diese Gedanken nicht gehabt, sondern fühlte mich einfach gut. Ich hatte alles gegeben, meinen Beitrag geleistet. So unwirksam er auch gewesen sein mag. Jetzt, mit der Distanz, mit der emotionalen Trennung, wurde mir klar, daß ich meinen Schmerz, den ich am 25.05.2014 empfunden habe, gerächt sehen wollte. Im Grunde sollten alle bei MIR anrufen und sagen, daß ich doch endlich wieder zurück kommen soll. Sie sollten alle sagen, daß es ohne mich nicht richtig ist, daß ich fehle.

Ich wollte vermisst werden.

Und dann holt dich die Realität ein.
Die HSV AG hat im Schnitt 53.017 Zuschauer in den 16 Heimspielen motiviert ins Stadion zu gehen. Mit mir wären es 53018 gewesen. Ein Zuschauer mehr sind eine Steigerung von 0,000019% Das ist nichts. In der letzen Bürgerschaftswahl wäre ich unter Sonstiges verzeichnet worden. 0,000019% Anteil an der AG sind grad mal ein Butterbrot und ein Ei. Das ist qausi gar nichts, noch nicht mal eine Mahlzeit.

Doch sdie reinen Zahlen können niemals die Stimmung im Stadion beschreiben. Wir erinnern uns alle an die Allianz Arena in Fröttmaning in der Vergangenheit, die immer ausverkauft doch eher leise wirkte (das ist heute nicht mehr so, ist aber ein anderes Thema).

Die Stimmung kam aber irgendwann wieder. Ich habe das selber im TV hören können und Augenzeugen berichteten mir davon. Klar, es war anders. Das ist auch logisch, denn ich war ja nicht da, eine Stimme fehlte.

Aber diese Stimme fehlte eben nicht. Es gab schon weit vor mir genug Verrückte, die ins Stadion gegangen sind und es wird diese Verrückten auch weiter geben. Zum Glück sind es wie in meinen Anfängen als Fan nicht nur Männer. Ich werde nie die junge Frau eine Reihe vor mir nie vergessen, die genauso wie ich immer da war. Die oft alleine in der Kurve stand und bei „Hamburg, meine Perle“ mitgesungen hat, alle Lieder während des Spiels mit sang, hüpfte und klatschte, wenn die Kurve gerade ab ging. Sie wird vielleicht auch nicht mehr da sein wie ich. Aber der Platz wird von anderen Männern und Frauen gefüllt. Das ist einerseits total ätzend, weil mein Einfluss, mein Einsatz, meine Hingabe nicht mehr gebraucht wird. Aber andererseits ist es doch genauso, wie es sein muß, wie es schon immer gewesen ist.

Mein Vater war schon beim HSV und mit dem HSV unterwegs, als ich noch nicht mal geplant war. Wahrscheinlich ist jetzt noch nicht mal der Fan geboren, der 2031 in der Kurve stehen wird und genau die Hingabe an den Tag legen wird, die ich immer gebracht habe.

Aber in der stillen Stunde, nach dem Einzelspiel im PayTV, nach dem regnerischem aber erfolgreichem Fussballtag in der Bezirksliga Nord oder dem purem lesen des Ergebnis bei Twitter, fühle ich mich nicht gut, weil ich nicht mehr gebraucht werde.

Neben diesem rein egoistischem Gefühl ist es aber noch mehr. Mir fehlt das alles so sehr. So wenig ich mich mit der HSV AG noch identifizieren kann, fehlt mir das alles so sehr. Ich war in dieser Saison neben dem HSV nur einmal in einer „großen“ Fußballarena. Es war die schauinsland-reisen Arena in Duisburg. 3. Liga. 14 Uhr am Samstag. Schon vor dem Anpfiff schaute ich links rüber zu den Ultras, sah die Fahnen, die Doppelhalter, hörte die Lieder. Ich stand dort und mußte schlucken. Ich war froh, daß mich niemand angesprochen hat, weil ich sicher war, sofort in Tränen auszubrechen. Es war mir plötzlich klar, wie sehr mir das alles fehlte. Dieses Gefühl steigerte sich in der zweiten Halbzeit, als ich tatsächlich überlegte einfach da rüber zu gehen und mit zu machen. Zu Singen, zu Hüpfen, zu klatschen, die Mannschaft bedingungslos unterstützen.

Ich habe es natürlich nicht getan. Es ist ja nicht mein Verein.

Was mir sofort klar wurde: Es wird immer Menschen geben, die zum HSV gehen. Ob nun AG oder e.V. Es wird laut sein, es wird die Mannschaft unterstützt, gesungen, geklatscht und gehüpft werden.

Ich bin dann nicht dabei.

Niemand wird mich vermissen.

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5 Kommentare

  1. Ich have innerlich (aus anderen Gründen) mit dem HSV abgeschlossen. Allerdings (möchte Dein ego nicht schmälern) sind es 0.00188%, die deine Abwesenheit aus macht.
    Gruß aus New Orleans!

  2. Pingback: #Link11: 25 Jahre FC Bayern München | Fokus Fussball

  3. Es muss Dir sehr schwergefallen sein, diesen Text zu schreiben. Die Kernaussage ist eine sehr unangenehme, und auch wenn man sich sagen kann, dass die Entwicklung ohne Dich so verlaufen musste, wie Du es ja auch tust, wird einem sehr deutlich vor Augen geführt, wie begrenzt der individuelle Einfluss auf das große Ganze ist, wie gering die Chance, das aufzuhalten, was man wohl als Lauf der Zeit betrachten muss.

    Wenn ich ganz ehrlich bin, unabhängig davon, wie realistisch das ist, wünsche ich mir schon, dass Du Dich irgendwann mit dem HSV versöhnen kannst. Weites Feld, und Du brauchst das jetzt auch gar nicht weiter zu kommentieren, aber es schmerzt schon, Dich leiden zu sehen (zu glauben).

    Sind ja auch schon geschiedene Ehen wieder neu geschlossen worden.

    (Ja, naiv, vielleicht. Dennoch.)

    • Es war tatsächlich nicht leicht. Aber hätte ich den Beitrag nicht geschrieben, würde ich es immer in mir tragen und das will ja auch niemand…

      Das Problem ist doch: Der HSV ist jetzt eine AG. Da gibt es kein zurück mehr. Das ist erst wieder möglich, wenn die AG jemals pleite gehen sollte. Aber das will ich auf keinen Fall.

      Beim HSV e.V. bin ich ja weiter Mitglied. In der Baseball Abteilung. Auch zu der 1. Mannschaft des e.V. werde ich weiter gehen. Der HSV e.V. wird immer in meinem Herzen sein.